Frau Perfekt ist defekt!

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Kurz vorab: Ein großes Thema, welches auch diesen Blog betrifft "Konzentrationsstörungen" mir fallen Namen nicht mehr ein, ich vergesse wichtig Dinge, wenn ich sie nicht aufschreibe und manchmal vergesse ich sogar, in den Kalender zu schauen. Mir fehlt die Konzentration um mit den Gedanken bei einer Sache zu bleiben. Der Körper hat nur bestimmte Programme und ist damit beschäftigt, die Emotion.exe zu verarbeiten und schaltet dafür einfach Konzentration.exe ab. Ich bin nicht in der Lage, einen Text fehlerfrei zu schreiben und finde auch manchmal nicht die richtigen Worte. Ich bitte an dieser Stelle um Nachsicht und wenn ihr etwas nicht verstanden habt, fragt gerne nach- sofern es euch interessiert.
 
 
 
Meine Freunde, Familie und einige Bekannte, wissen es schon seit längerer Zeit. Viele Facebook Freunde haben sich schon gefragt- warum jetzt Reha? Was hat sie denn? Und ganz schlaue "Bekannte" haben bereits bei nahen Angehörigen erfragt was sie denn nur hat, die Frau Perfekt? Und die Reaktion auf die Antwort war genau die Antwort darauf, warum ich nicht gleich jedem mitgeteilt habe was mit mir los ist. Diese Antwort lautete: "Ach, da hat sie sich wohl zu vile zugemutet?" 
 
Ich habe eine Depression. 
 
Weder ausgelöst von dem Tod meines Bruders, noch ausgelöst wegen irgendeiner überforderung mit der Selbständigkeit. Dadurch wurde die Depression natürlich gefördert, die kam aber vorher schon, einfach so- wie eine Erkältung. Für die sich auch keiner schämt, bei der man sich sogar treut zu posten: "Hey Leute, liege mit Grippe flach"...
 
Vor der Depression steht oft und leider auch in meinem Fall, die Sucht nach Perfektion! Funktioniere, leiste, optimiere Dein Leben und sei glücklich und stets gutaussehend dabei. 
Wann ich anfing mich zu perfektionieren? Das habe ich mich oft gefragt. Es wird sich so eingeschlichen haben. Ich war immer ein sehr angepasster Mensch, der möglicht jedem gerecht werden wollte und alles lächelnd und zur vollsten Zufriedenheit des Umfeldes erledigte. Freitags wurde die Treppe geputzt, was sollen die Nachbarn denn sonst denken!? Doch das war erst der Anfang. Ich hatte diese Züge schon bei UPS damals. Ich habe in höchstem Maße Leistung erbracht, so dass ich ganz schnell eine eigene Abteilung übernehmen konnte und somit ein wichtiger Baustein und Bestandteil für diese Firma war. Ob mich das glücklich gemacht hat? Nein! Anerkennung gab es nicht für mich! Ich war mit meinen zarten 20 Jahren als Abteilungsleiterin mit Kollegen die doppelt so alt waren und bereits 10 Jahre in der Firma arbeiteten.
Als "perfekte Mutter" hatte ich immer wieder damit zu kämpfen dass ich nicht perfekt war. Wenn die Nächte mal wieder kurz waren und das Geschrei laut, dann war ich völlig am Ende! Aber meist nicht wegen des Schlafmangels, sonder weil ich nicht perfekt genug war, das lächelnd und liebevoll zu ertragen. Ich hätte mich gerne glücklich lächelnd mit rosigen Wängchen im Schaukelstuhl gesehen. Statt dessen sass ich mit Augenringen auf der Couch und zickte den Säuglich an: "schlaf doch mal Du Schreihals".
Die perfekte Ehe, war die perfekte Katastrophe. Genau wie die 2. Ehe, die dämlichen Schwiegermütter, die verdammten Nachbarn im Traumhäschen, die im Club der Perfekten nur ganz perfekte aufnahmen und ich war natürlich ganz vorne mit dabei um im Club der Perfekten (Idioten) mithalten zu können. Bis dann auch dieser Traum platzte und ich plötzlich alleine da saß. Kein Job, kein Dach über dem Kopf, fremde Stadt, alleinerziehend mit 3 Kindern. Das alles konnte nur einen Grund haben! Ich war nicht perfekt genug gewesen. Also ging die Jagd nach Perfektion los. Das war im April 2010. Als dann im November gleichen Jahres mein Bruder verstarb, muss ich schon mit der Depression gekämpft haben, denn meine Mutter beschrieb es so: "sie trauert nicht, sie tut so als wäre nichts passiert". Andere beschwerten sich, dass ich am Wochenende ausging und tanzte. Als ich David im Januar 2011 kennenlernte, sagte er zu mir: " War das wirklich Dein Bruder? Das hört sich so an, als wäre der ein Bekannter Deines enfernt verschwägrten Cousin im Ausland passiert" Ich sagte dazu immer: "Das ist doch sein Weg und nicht meiner und das ist sein Problem und nicht meines". Natürlich trauerte ich, ich bedauerte eher... dass ich ihn nie wieder sehe, dass ausgerechnet mir das passiert und ich jetzt den Rest meines Lebens damit klarkommen müsste. Der Schmerz war nie greifbar, das Gefühl konnte ich nicht spüren. Ich rügte mich sogar dafür dass ich nichts hatte tun können und das zu verhindern.
Im April beginnt meine Flucht in die Perfektion. Der Vollzeitjob bei dem Vermögensverwalter, bei dem ich allein das Immobilienstandbein aufbaute und mich so ganz nebenbei noch ins Versicherungsgeschäft einarbeitete, kam mir das wohl sehr gelegen. Emotionoslos von morgens, bis abends funktionieren, perfektionieren und idealer Weise am Abend noch Aussendiensttermine. Dann zuhause kochen, waschen, Haushalt und natürlich eine gute, aber gestresste Mutter zu sein. Einige Tragödien und Umzüge später habe ich die Perfekte Wohnung und da diese natürlich auch ihren Preis hat, muss ich noch mehr arbeiten. Morgens um 7 Uhr perfekt gestriegelt im Büro sitzen, bis 16 Uhr und oft auch bis 18 Uhr. Nach Hause kommen, Kinder, Haushalt, Freundschaften Pflegen, kurz verschnaufen und dann bis mindestens Mitternacht die Selbständigkeit aufbauen. Klappte genau ein halbes Jahr, bis der Arzt mir sagte, es sei nicht gesund 18 Stunden am Tag zu arbeiten und dann nicht mehr schlafen zu können.
Das war im Juli 2013. Es dauerte noch bis März 2014, bis ich endlich die Überweisung zum Psychologen wahrnahm und mich überwand, mich dort Vorzustellen und die Depression diagnostizieren zu lassen. Ich erwartet eine kleine dunkle Praxid mit einem Arzt, fand jedoch ein großes Medizinisches Zentrum vor, auf dem groß und breit stand: Alexianer Klinikum. Na toll, im Alex dachte ich und wollte gleich wieder umdrehen, aber ich ging rein. Die Ärztin riet mir, einen Termin in der Tagesklinik zu machen und mich dort 4 Wochen lang teilstationär behandeln zu lassen. Ich schämte mich aber, ich wollte es einfach nicht wahrhaben und ich- die Powerfrau... ich doch nicht! Mir ging es ja im Vergleich noch extrem gut!? (Dachte ich) Im August 2014, die Kinder hatten Sommerferien und ich brachte sie Montags morgens zu ihrem Vater, sass ich nachmittags alleine zuhause und konnte mich mit nichts ablenken. Da überkam mich diese unendliche Leere in mir, sämtliche Schuldgefühle kamen in mir hoch und ich wäre fast Amok gelaufen, ich das Gefühl in mir, welche so leer und taub und stumm und dunkel und einsam ist, nicht ertragen und musste erst 2 Schlaftabletten um mich damit für einige Stunden zu betäuben. Als ich nach 16 Stunden wach wurde, sass David an meinem Bett. Er hatte versucht mich zu erreichen und machte sich Sorgen. Also kam er zu mir und kümmerte sich. Er rief in der Klinik an und machte einen Termin, 2 Tage später durfte ich schon kommen. 4 Wochen lang war ich jeden Tag in der Klinik, Sport, Entspannung, Gespräche, Ressourcentraining, Ergotherapie und viele Erkenntnisse über mich und mein Verhalten. Doch der Groschen fiel wohl nicht richtig, denn statt der angedachten Reha, die sich verzögerte und raus schob und dann hat das Ganze ziemlich krasse Züge angenommen. Aber davon berichte ich euch in einem meiner Blogeinträge.

Alter: 38
 


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Angefangen hat es...

 

... im Grunde ganz klassisch mit Schlafstörungen. Erschöpft war ich, na gut das war ja auch kein wunder- nach nem 18 Stunden Tag und dann konnte ich nicht einschlafen- durchschlafen usw. Ich hasse jede einzelne Nacht in der ich im Bett liege und nicht schlafen kann. Ich trinke abends häufig Wein, ich denke ich kann dann besser einschlafen, allerdings komme ich dann auch schnell in den blöden Kreislauf des Grübelns und Katastrophisierens, wenn es 2 oder 3 Wein werden, dann ist der gute Schlaf schon wieder gefährdet.

Unrurhe und so eine Art Getriebensein und das besonders nachts! Das führte dann auch widerum zu den Schlafstörungen. Sobald ich im Bett lag, kamen mir sämtliche Ideen, was ich statt zu schlafen, noch alles erledigen könne. Tagsüber war diese Unruhe etwas anders, ich habe mich dann gefühlt wie so ein Dampfkochtop, der gleich platzt, wenn er nicht sofort vom Herd genommen wird.Ich will dann am liebsten vor mir selbst weglaufen.

Später kamen tagsüber auch noch Panikattacken dazu. Das ging los mit Herzrasen und Atemnot. Meistens wenn ich gerade mal eine Pause machen wollte oder mich abends, wenn alles erledigt war, auf die Couch setzte. Dann kam Adrenalin, ein Urtrieb wurde geweckt- das Hirn meldete der Neandertaler Frau: Achtung! Gefahr! Mammut in Deiner Höhle- sofort panisch und schreiend durch die Höhle entkommen. Und nach der Panikattacke kam dann die totale Erschöpfung.

Diese innere Leere, Gefühllosigkeit, das ist das Schlimmste für mich. Die depressive Stimmung das Gefühl der Verzweiflung kommt quasi aus heiterem Himmel – also aus Sicht eines Außenstehenden und auch oft aus meiner Sicht, objektiv grundlos. Natürlich gibt es auch noch viele Momente in denen ich lache. Aber nicht mehr so aus tiefstem Herzen sondern manchmal ist das so ein: es wäre angemessen jetzt zu lachen, und machnmal ist es auch erheiternd, es fühlt sich nur nicht mehr so an. Zuversicht, Freude, meine Fröhlichkeit, aber auch Traurigkeit, weichen einem Zustand innerlicher Starre. Ich habe das gerne beschrieben als eine Mauer, die ich um mich herum gezogen habe. Das ist nicht so, dass ich jetzt keine Gefühle mehr habe. Sie wurden halt nur ersetzt durch: antriebslos, freudlos, hoffnungslos, kraftlos, mutlos und bei mir ganz besonders extrem ausgeprägt- Schuldgefühle!

Verlust von Freude und Interessen: Wer mich kennt, der weiss , dass ich eine gesellige Person bin. Gerne viel Unterwegs, kontaktfreudig, aufgeschlossen und gerne mitten im Geschehen. Ok wer mich länger kennt als 4 Jahre müsste ich dazu sagen, denn seitdem habe ich mich sehr zurückgezogen. Fachleute beschreiben es so: "Es handelt sich hierbei um die stark verminderte oder sogar völlig erloschene Fähigkeit, sich an wichtigen Dingen des Alltags zu freuen bzw. daran teilzunehmen. Dieses kann sich auf das gesamte soziale Umfeld, also Familie, Freundeskreis oder den Beruf erstrecken, ( Das hat gar nichts damit zu tun, dass ich jemanden weniger mag oder mich in der Gegenwart nicht wohl fühle sondern eher dass ich immer geneigt bin, mich lieber zuhause zu verkriechen) aber auch das Interesse an Hobbies, Sport oder sexuellen Aktivitäten betreffen." Letzteres trifft erst seit ein paar Wochen zu (falls es wen interessiert )

Erschwert wird die Teilnahme am "normalen Leben" für mich durch Verminderung des Antriebs. Ich habe keine Kraft, die mir ein zielgerichtetes Verhalten erlaubt, also die Energie für mein tägliches Leben. Ist der Antrieb vermindert, stellt sich das Gefühl der Energielosigkeit ein. Die Motivation zur Durchführung selbst einfacher Alltagsaktivitäten wie Führen des Haushalts, Kochen oder gar Essen bis hin zur Hausaufgabenbetreuung der Kinder, Freizeitspass usw. ist abhanden gekommen – die Antriebslosigkeit wirkt wie eine tonnenschwere Last, die jede Bewegung ausbremst.


 

Ein großes Thema, welches auch diesen Blog betrifft "Konzentrationsstörungen" mir fallen Namen nicht mehr ein, ich vergesse wichtig Dinge, wenn ich sie nicht aufschreibe und manchmal vergesse ich sogar, in den Kalender zu schauen. Mir fehlt die Konzentration um mit den Gedanken bei einer Sache zu bleiben. Der Körper hat nur bestimmte Programme und ist damit beschäftigt, die Emotion.exe zu verarbeiten und schaltet dafür einfach Konzentration.exe ab. Ich bin nicht in der Lage, einen Text fehlerfrei zu schreiben und finde auch manchmal nicht die richtigen Worte. Ich bitte an dieser Stelle um Nachsicht und wenn ihr etwas nicht verstanden habt, fragt gerne nach- sofern es euch interessiert.

Das kleinere Übels sind dann noch die körperlichen Symptome:

Magenschmerzen, Herzrasen, Übelkeit, Schwindel, Atembeschwerden und leider auch manchmal Fressattacken. Meine Jeans sind schon recht spack! Zeit für die Reha!

 

4.2.15 17:46, kommentieren

Unverständnis und Vorurteile

Geschätzt vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an Depressionen. Doch die meisten Betroffenen reden nicht darüber, denn die Volkskrankheit will so gar nicht zu unserem Zeitgeist passen: Funktioniere, leiste - aber sei glücklich. Und das scheint leichter zu sein denn je, schließlich stehen uns heute schier unbegrenzte Möglichkeiten offen, um uns und unser Leben zu optimieren. Wer da unglücklich ist, ist geradezu selber schuld - und schweigt lieber.
 
Doch auch Hilflosigkeit und fehlendes Verständnis von Angehörigen, und Freunden dafür, was in Depressiven wirklich vorgeht, führt dazu, dass Betroffene ihre Krankheit lieber geheim halten und nur ihre Symptome behandeln lassen. Zu "Kopfschmerzen" oder "Schlafstörungen" gibt es nicht viel zu erklären. Sagt man: "Ich habe eine Depression", läuft man dagegen Gefahr, auf Unverständnis oder Vorurteile stoßen.
 
Oder wie meine Schwester es passend sagte: "Betroffene schämen sich oft zu sagen, dass sie Antidepressiva einnehmen. Aber niemand würde sich schämen wenn er etwas gegen Schmerzen, oder Husten einnimmt"
 
Dass den Betroffenen häufig selbst nicht klar ist, warum sie niedergeschlagen oder antriebslos sind, macht es nicht einfacher. Ein Trauerfall oder ein anderer Schicksalsschlag helfen, die Krankheit greifbarer zu machen - und sie zu akzeptieren. Fehlt dagegen ein sichtbarer Grund, wird das Unverständnis verstärkt. Vielen Betroffenen erscheint es daher einfacher zu sagen, sie seien innerlich getrieben oder litten an Burnout. Leistungsbereitschaft ist gesellschaftlich schließlich akzeptiert.
 
Auch ich dachte zunächst, dass meine Depression durch den Verlust meines Bruders ausgelöst wurde! Mittlerweile weiss ich aber, dass es bereits viel früher schon los ging.
 
Aber Ausflüchte in Symptombeschreibungen und -behandlungen helfen Patienten nicht weiter. Ein Mittel gegen die Schlaflosigkeit oder Ausdauersport gegen die Getriebenheit wirken nur kurz als Linderung, letztlich halten sie die Depression aber am Leben. In einer Studie des Rheingold Instituts im Auftrag des Naturmedizinherstellers Pascoe gingen Psychologen daher der Frage auf den Grund, was in Depressiven wirklich vorgeht - und wie Angehörige, Mediziner und Pharmazeuten besser auf sie reagieren können.
 
 
 
Die sieben häuftigsten Irrtümer über die Depression

Es ist wie ein Teufelskreis: Obwohl eine Depression eine ernste Erkrankung ist und viel darüber berichtet wird, sind noch immer viele Irrtümer darüber im Umlauf und halten sich hartnäckig. Das führt oft dazu, dass Betroffene ihr Leiden lieber verschweigen und versuchen, es geheim zu halten, was das Unverständnis auf Seiten der Angehörigen und Freunde nicht gerade fördert. Das sind die wichtigsten Irrtümer und Missverständnisse.

1. Eine Depression ist keine richtige Krankheit

Ein Stimmungstief ist nicht mit einer echten Depression zu vergleichen, doch vielen Menschen fällt genau diese Trennung schwer. Jeder ist mal niedergeschlagen, traurig oder antriebslos, weil er überarbeitet ist. Oder schlimmer, den Job oder eine nahe stehende Person verloren hat. Doch die meisten denken: Ich reiße mich auch zusammen und lasse mich nicht hängen, warum kann der andere das nicht? Das ist ein möglicher Grund dafür, dass Depression oft nicht ernst genommen wird.

Und doch ist sie eine echte Krankheit. "Eine Depression ist eine Erkrankung, die auch weitgehend unabhängig von äußeren Faktoren auftreten kann, und zwar bei jedem", sagt Ulrich Hegerl, Psychiater Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Leipzig. Das heißt: auch bei Menschen, denen es gut geht, die in einer glücklichen Partnerschaft leben oder beruflich erfolgreich sind. "Es hat viel mit Veranlagung zu tun. Wenn man diese Veranlagung hat, ist das Risiko groß, in diesen speziellen Zustand hineinzurutschen."

Es kann dann zwar Auslöser geben, dieser muss aber nicht der eigentliche Grund sein. "Vielmehr werden in einer Depression die Probleme, die das Leben mit sich bringt, vergrößert wahrgenommen", sagt Hegerl. Die Kritik eines anderen treffe einen mitten ins Herz und man habe das Gefühl, wertlos zu sein. Die Rückenschmerzen würden als Zeichen gedeutet, dass man im Rollstuhl enden werde. "In so einem Zustand meint man, die Probleme beiseiteschaffen zu müssen. Doch das ist oft nicht der Punkt. Wird die Depression behandelt, sieht der Patient zum Beispiel den Stress bei der Arbeit als das an, was er ist: als Teil des normalen und oft schwierigen Lebens."

2. Eine Depression trifft nur schwache Menschen

Depressive Menschen sind keineswegs nur jene, die psychisch labil oder schwach sind oder die sich gehen lassen. "Im Gegenteil: Oft sind es sogar eher Menschen, die dazu neigen, gewissenhaft zu sein, Verantwortung zu übernehmen, für andere da zu sein, die auch Leistungsträger in einem Unternehmen sind", sagt Hegerl. Aber das ist kein Muss. Es kann jeden treffen: die Erfolgreichen und die Erfolglosen, die Tüchtigen und die Faulen, die Mutigen und die Furchtsamen, das folgt keiner Regel.

3. Depressionen treten immer häufiger auf

In den vergangenen Jahren hat es viel Berichterstattung zu diesem Thema gegeben, viele Prominente äußerten sich dazu, weil sie selbst betroffen waren, daher könnte dieser Eindruck entstehen. Doch er trifft nicht zu. "Schaut man sich die gesamte Bevölkerung an, nehmen die Depressionen nicht zu", sagt Hegerl. "Was zunimmt, ist die Zahl der Menschen, die sich Hilfe holt, und die Zahl der Ärzte, die eine Depression als solche erkennen - sie versteckt sich häufig hinter körperlichen Beschwerden wie chronischen Rückenschmerzen und ähnlichem." Das heißt, mehr Menschen bekommen heute eine entsprechende Diagnose als vielleicht noch vor einigen Jahren.

Und das sei laut Hegerl positiv zu werten: "Seit den 80er Jahren hat sich die Zahl der Suizide von 18.000 auf 10.000 Fälle reduziert, das heißt, heute nehmen sich pro Tag 20 Menschen weniger das Leben als noch vor 30 Jahren. Das ist ein sensationeller Fortschritt, denn die häufigste Ursache für einen Suizid sind noch immer Depressionen."

4. Einmal depressiv, immer depressiv

Weit verbreitet ist auch die Annahme, dass eine Depression nicht heilbar ist. Wen es einmal erwischt hat, der kommt nie wieder aus der Spirale heraus, so die Überzeugung vieler Menschen. Das stimmt so nicht. "Depressive Episoden sind gut behandelbar, Betroffene werden auch wieder völlig gesund und leistungsfähig", sagt Hegerl. Bei manchen Menschen bleibe aber durchaus ein erhöhtes Risiko, eventuell im späteren Verlauf des Lebens erneut in eine solche Episode zu rutschen, vor allem, wenn die Erkrankung unbehandelt bleibe. "Die Veranlagung ist ein wichtiger Punkt, diese kann erworben oder genetisch bedingt sein", sagt der Psychiater. Umso wichtiger sei es, dass Betroffene sich mit der Krankheit auseinandersetzen, sich informieren und zum Experten in eigener Sache werden. Betroffene können sich zum Beispiel im Diskussions-Forum der Stifung Deutsche Depressionshilfe austauschen.

5. Antidepressiva machen süchtig

80 Prozent der Bevölkerung glauben, das Antidepressiva süchtig machen. Das hat eine Umfrage der Stiftung Deutschen Depressionshilfe ergeben. Das stimmt aber nicht. "Es gibt keine Dosissteigerung und keinen Drogenschwarzmarkt für Antidepressiva", sagt Psychiater Hegerl. "Antidepressiva machen auch nicht high, sondern wirken gezielt gegen Funktionsabläufe im Gehirn, die bei einer Depression gestört sind." Abhängig machten andere Psychopharmaka wie Schlaf- oder Beruhigungsmittel, das werde oft nicht unterschieden, dürfe damit aber nicht verwechselt werden.

Antidepressiva sind nicht für den kurzfristigen Einsatz gedacht, vielleicht rührt der Irrglaube daher. Sie wirken nicht sofort, im Gegenteil: Es braucht ein bis zwei Wochen, bis Betroffene erste Verbesserungen bemerken. Tritt eine Verbesserung ein, muss der Patient das Mittel mindestens vier bis sechs Monate einnehmen. Danach müssen Arzt und Patient entscheiden, ob das Medikament weiter eingenommen oder abgesetzt wird - keinesfalls abrupt, sondern langsam. Ärzte nennen das ausschleichen.

6. Antidepressiva verändern die Persönlichkeit

Das ist eine ebenfalls weit verbreitete Angst vieler Menschen: dass Antidepressiva ihre Persönlichkeit verändern und sie ihre Autonomie verlieren. Das stimmt aber nicht. Vielmehr sei es die Depression, die zu schweren Veränderungen im Erleben und Verhalten der Betroffenen führe. "Wenn Menschen mit Antidepressiva behandelt werden, sagen sie oft: 'Jetzt bin ich wieder so, wie ich mich kenne'", sagt Hegerl.

7. Depressive müssen sich mal ausschlafen

Eine Depression wird mit Erschöpfung und einem Gefühl des Ausgebrannt-Seins in Verbindung gebracht. Da liegt es nahe zu denken, Betroffene müssten sich mal richtig erholen, richtig ausschlafen. Wie seltsam mutet es da an, dass in Kliniken ausgerechnet Schlafentzug als wirksame Maßnahme eingesetzt wird.

"Menschen mit einer Depression haben die Sehnsucht, endlich tief zu schlafen und am Morgen erfrischt aufzuwachen", sagt Hegerl. "Deswegen gehen sie früher ins Bett, bleiben länger liegen." Das kann aber ein Teil des Teufelskreises sein, weil sie nicht wirklich zur Ruhe kommen. Erstaunlicherweise bringe Schlafentzug bei 60 Prozent der Patienten abrupte Verbesserungen mit sich, haben zahlreiche Untersuchungen gezeigt. In der Praxis sieht das so aus: Die Patienten gehen entweder gar nicht ins Bett oder werden gegen Mitternacht geweckt und bleiben die Nacht über wach, schauen sich Filme an, unterhalten sich oder spielen Brettspiele. "In den frühen Morgenstunden bemerken sie dann eine Verbesserung, haben wieder Energie", sagt Hegerl. "Das Problem ist jedoch, dass die Depressionen mit dem nächsten Schlaf wieder zurückkehren." Man kann diese Maßnahme nach einigen Tagen wiederholen, insgesamt zwei- bis drei Mal. Es ist immer nur ein unterstützendes Verfahren.

Der Psychiater empfiehlt seinen Patienten, ein Schlaf-Tagebuch zu führen. Darin trägt man ein: Wie lange war ich im Bett? Wann bin ich aufgestanden? Wie war die Stimmung am Morgen? "Patienten merken dann oft, dass es ihnen morgens schlechter geht, wenn sie länger im Bett waren. Und wenn sie die Kraft dazu haben, können sie gezielt gegensteuern: später ins Bett gehen, früher aufstehen." Vielen Patienten helfe das. Ein mögliche Erklärung dafür ist: "Bei einer Depression ist die innere Anspannung sehr hoch, das Gehirn ist in permanentem Alarmzustand. Schlafentzug und Sport wirken dem entgegen, weil es die schläfrig machenden Prozesse im Gehirn stärkt."

Quelle: Stern


 

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